Am Anfang war der Turntable

Zum DJaying kam ich seinerzeit noch über das klassische Medium: 2 Turntables und ein Mixer. In einer kleinen sympathischen, aber schlecht besuchten afrikanischen Bar auf dem Hamburger Kiez ließ mich der Chef an seinen Technics 1210’ern üben. Wo heute viele DJs auf den berüchtigten Synch-Button drücken, um die Tempi zweier Stücke gleichzuschalten, so ließ man damals – als das Gras grüner, und die DJs noch echte DJs waren – einen zweiten Song „auf die 1“ des laufenden Tracks anspielen und hörte im Kopfhörer konzentriert, ob die Snare-Schläge im Kopfhörer vor (zu schnell), nach (zu langsam) oder gleichzeitig mit den Snare-Schlägen des über die Lautsprecher laufenden Songs erklangen (Eureka – beide Songs laufen mit gleichem Tempo). Mit dem Crossfader wurde an der richtigen Stelle der neue Song lauter und der laufende Song leiser geregelt, bis schließlich nur noch der neue Song zu hören war. Fast alle, die das damals so gelernt haben haben in ihrem Leben irgendwann die Nase gerümpft über die nächste Generation DJs, die an CD-Playern mit digitalen BPM-Anzeigen (zeigen das Tempo des Songs), am Laptop oder mit einem Controller (also Geräte, die nicht Tonsignale mixen, wie ein Mischpult, aber vom User ähnlich wie Mixer und Plattenspieler bedient werden und Befehle an einen Computer senden, in dem die Musik gemixt wird) und die das Tempo eines Songs ablesen oder einfach zwei Songs per Knopfdruck „gleichschalten“ können. Viele Jahre baute ich meine Technics und meinen Mixer auf diversen Hochzeiten und Firmenfeiern auf und immer gab es mindestens einen 40+ Techniknarr, der mit feuchten Augen vor den Geräten stand, schwärmte und sagte „wie schön, dass jemand noch mit diesen Geräten unterwegs ist“.

Mit der Zeit gehen

Mit diesem grundsätzlichen, aber auch nicht stark ausgeprägten Mißtrauen gegenüber Controllern bestellte ich mir dann 2017 den Roland DJ 808, das neue Flaggschiff der Firma Roland. Ein bisschen aus Neugier und teilweise auch auf der Suche nach einer Alternative zu dem bestehenden System. Unsere Beziehung entwickelte sich schnell zu einer Love Story und auch wenn ich meine Technics niemals veräußern würde, so bin ich nun doch fast ausschließlich mit meiner neuen „Kiste“ unterwegs. Wie kommt’s? Fangen wir an: das Gerät kommt mit seinen 66x41cm mit einer beeindruckenden Größe daher. Die Materialien sind anständig verarbeitet, das Teil hat ein angenehmes Gewicht (leicht zu tragen, aber schwer genug, um als Instrument zu gelten) – das war mir wichtig; ich will ja schließlich nicht das Gefühl haben, mit einem Spielzeug on the road zu sein. Angenehm ist natürlich, dass man nicht drei Cases tragen und Mixer und Plattenspieler vor jedem Gig verkabeln muss, sondern das USB-Kabel in den Controller steckt und gleich loslegen kann. Schon beim Starten machen die vielen bunten Lichter einen tollen Eindruck. Ich weiß, das hört sich evtl. lustig an, aber ich wurde mittlerweile auf vielen Feiern darauf angesprochen „wie toll und beeindruckend das aussieht“. Die Jogwheels haben eine angenehme Größe und lassen sich gut bedienen, sowohl zum scratchen, als auch um im Song vor- oder zurückzuspielen (je nachdem, an welcher Stelle man das Rad berührt). Die 8 Pads auf jeder Seite erfüllen verschiedene Funktionen und lassen vielfältig einsetzen, je nachdem ob Cue, Slicer, Loop Roll, Sampler, Pitch Mode oder ein anderer Modus gewählt ist. Dabei signalisiert eine sich ändernde Farbgebung, welcher Modus gerade aktiv ist.

Controller meets Drummachine und Voice Transformer

Jeder halbwegs musikbegeisterte schwärmte damals für die 808-Sounds, ohne die die Mehrzahl der Hiphop und House-Songs ohne Rhythmus daher kommen würde. Beim DJ 808 ist ein Drumcomputer integriert, der sich über die Touchpads oder über die 16 Tasten des Sequencers anspielen lässt. Man kann Loops einspielen und dann über den fünften Kanal (neben den Kanälen für die 4 Decks) in den Mix integrieren. Natürlich muss man sich ein wenig damit auseinandersetzen; hat man dies getan, eröffnen sich aber sehr schöne Möglichkeiten. Man kann ein Mikrofon anschließen und das Signal pitchen, equalizern und mit Hall unterlegen. Für gesangliche Darbietungen finde ich den Mikro-Sound eine Nuance zu un-brilliant, aber für Ansagen lässt sich das Gerät allemal nutzen. Das Gerät kommt mit komfortablen Möglichkeiten daher, die Serato-Effekte anzusteuern oder die internen Effekte auf die Audio-Kanäle zu legen. Sowohl die Pads, als auch die Regler, alles fühlt sich einfach „richtig“ an, was die Haptik und Nutzung angeht.

Kritik

Ich persönlich bin mit dem Gerät nahezu rundum zufrieden. Wie schon gesagt, nimmt es weniger Platz weg, als die guten 1210’er+Mixer und lässt sich leichter tragen und schneller aufbauen. Kaputte Nadeln oder Systeme während eines Gigs gehören der Vergangenheit an, ebenso wie während des Sets gefetzte Dicer-USB-Kabel. Das Handling ist komfortabel und meist intuitiv. Ein paar Wünsche hätte ich natürlich schon: zum einen ist es schade, dass die Beleuchtung der Jog Wheels nicht anzeigt, wieviel Spielzeit des jeweiligen Songs noch vorhanden ist: dies zwingt den DJ auf den Monitor zu blicken. Außerdem ist der Drehregler in der Mitte des Geräts, mit dem man in Serato hoch und runter durch die Song-Library „fahren“ kann nicht beleuchtet und in dunklen Clubs nicht immer gut zu sehen. Das Platzieren der vielen Knöpfe und Drehregler auf der Frontseite des Geräts ist Geschmacksache: ich bevorzuge diese Fläche aufgeräumt, damit ich z.B. einen Mixer im Case lassen kann beim Auflegen. Fairerweise muss man aber sagen, dass es der Übersicht gut tut, dass diese Funktionen nicht auch noch auf der Hauptfläche des Geräts platziert sind.

Fazit

Mein Blog-Eintrag hat nicht den Anspruch ein umfassender technischer Test des Roland 808 zu sein, sondern spiegelt meine persönliche Erfahrung wieder: ich war auf Mixer und Turntables eingeschworen und bin jetzt leidenschaftlicher Fan des DJ 808. Das Gerät erleichtert mir meine Arbeit sehr und lässt sich sehr gut benutzen. Die Möglichkeiten sind groß und laden zum Experimentieren ein. Gerade der eingebaute Drum-Computer macht hier Türen auf, seinem DJ Set den besonderen Kick zu geben, ebenso die Effekte und das Ersetzen der Dicer, mit denen es auf kurz oder lang eigentlich immer wieder Ärger gab. Das Gerät erregt auf Veranstaltungen Aufsehen und wird positiv wahrgenommen. Abgesehen von Gigs in kleinen Hip Hop-Clubs, in denen die Leute erwarten, dass jemand an den Plattenspielern steht, dem sie auf die Finger gucken können, bin ich jetzt nur noch mit der 808 unterwegs.

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